Samstag, 27. Juni 2009

Zuletzt (2)

Bücher:

Jan Weiler - Maria, ihm schmeckt's nicht!

Nachdem ich das Buch vor über einem Jahr schon empfohlen bekommen habe, landete es nun irgendwie vor meiner Nase. Folglich kann ich es nun auch selbst anderen weiterempfehlen.
Der Untertitel "Geschichten von meiner italienischen Sippe" ist eigentlich schon eine umfassende Inhaltsangabe, denn, um die Schwäche des Buches vorwegzunehmen, der Ablauf stockt zumeist, auch wenn er linaer sein soll. Vielmehr gerät man von einer Episode zur anderen, man wechselt zwischen den gegenwärtigen Erlebnissen des Ich-Erzählers und den Jugend-Anekdoten von dessen Schwiegervater, Antonio. Jeder Auftritt von Antonio, der als italienischer Gastarbeiter in den 60ern nach Deutschland kam, sorgt dabei für Heiterkeit und Lacher. Allerdings wird auch die Situation Antonios in Deutschland und die Ablehnung gegenüber dem Italiener thematisiert, was dem Buch eine zusätzliche Botschaft verleiht, ohne die es wohl bei einem reinen Witzbuch geblieben wäre.

Fazit: Ein gutes Buch für zwischendurch (man hat die 250 Seiten schnell gelesen), dessen Späße zwar manchmal recht harmlos wirken, was allerdings nicht die Freude an der Hauptfigur Antonio trübt.

George Orwell - Farm der Tiere

"Farm der Tiere" gehört warscheinlich zu den Standardwerken in Sachen politischer Literatur. Wer die Comicverfilmung kennt, wird sich dessen vielleicht nicht bewusst sein, aber "ein Märchen" ist gewiss nicht die Geschichte der Sowjetunion, die Orwell mit Tieren nachzeichnet.
Die Tiere eines englischen Bauernhofes starten unter Anleitung der Schweine eine Revolution und vertreiben ihren menschlichen Besitzer. Aus der "Herrenfarm" wird die "Farm der Tiere". Doch lange währt das Glück nicht, zunehmende Machtkämpfe unter den Revolutionsführern sorgen für Unruhe, die Tiere müssen ihre Arbeit nun selbst verrichten und auch die Menschen haben noch lange nicht ihr Interesse am Produkt der Tiere aufgegeben.
Beeindruckend ist an Orwells "Farm der Tiere" die Art und Weise, wie Personen und Ereignisse der Sowjetunion parodiert werden. Exemplarisch ist das machtgierige Schwein Napoleon zu nennen, welches Stalin darstellen soll und dem besonnen Schneeball (Trotzki) gegenübersteht, welcher später zunächst vertrieben wird, dann als omnipräsenter, wie unsichtbarer Feind herhalten muss, dessen Verdienste für die Revolution zunehmend geleugnet und ins Gegenteil verkehrt werden.

Fazit: Wer sich für die Thematik ohnehin schon interessiert, dürfte seine Freude an der "Farm der Tiere" haben, für alle anderen ist es eine Gelegenheit sich dem Stoff mühelos zu nähern. Schon für die Botschaft (man beachte auch das Nachwort "Die Pressefreiheit") lohnt sich das Lesen.

Dienstag, 16. Juni 2009

Bürgersprechstunde: Belange

"Belange?",
fragt der Politiker
von der Stange.

"Mir ist bange!",
sagt die Mutter:
"Die Bösen nehmt Ihr doch in die Zange!?"

"Ich sage es ganz unbefangen,
es ist ein schwierig Unterfangen
die Kinderpornografen einzufangen.
Doch sind die mal ins Netz gegangen,
dann erfolgt der Neubeginn!
Ist sicher auch in Ihrem Sinn,
die anderen 'Bösen' zu belangen."

Montag, 15. Juni 2009

Reigen

Virtuelles Geld
in Plastikhüllen,
virtuelle Welt
zum Auffüllen.

Tanz mit
in diesem Irrenhaus!
Im Schritt,
das macht das Leben aus!

Ritueller Wein
im Glas geschwenkt,
den Virus vom Schwein
gibt es geschenkt!

Einstudiertes Schunkeln,
jeder packt an!
Ohne zu Munkeln,
nicht hier, und jetzt wann!

Tanz mit
in dieser Anstalt!
Im Schritt,
sonst droht dir Gewalt!

Entsag dem Denken,
es schärft nur das Messer,
es wird dich nur kränken,
es macht garnichts besser!

Tanz mit!

Donnerstag, 11. Juni 2009

Zuletzt (1)

In dieser neuen Rubrik, die mal ein wenig Kontinutät (die fehlende Kontinuität ist die Kontinuät vieler Kleinblogs) in dieses Online-Tagebuch bringen soll, gebe ich kurz preis, welche Bücher, Filme oder alben ich zuletzt gelesen, gesehen oder gehört habe. Freut Euch auf Sternminuten der unprofessionellen Kritik!

Bücher:

Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon

Wer regelmäßig an Buchhandlungen vorbeikommt, hat sicher schon oft diesen Wälzer bei den Taschenbüchern gesehen. Da ich mal wieder einen längeren Roman lesen wollte, entschied ich mich irgendwann für die Geschichte eines Schweizer Lehrers, der im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht nach Portugal reist, um nach einem geheimnisvollen Schriftsteller zu suchen.
Was sich nach "Der Schatten des Windes" von Carlos Ruiz Zafón anhört, schlägt allerdings weniger die Richtung eines Abenteuers über Liebe, Komplott und Rache ein als die einer philosophischen Reise eines relativ blassen, lebensfernen Menschen in eine neue Welt, die ihn quasi zum Leben erweckt. Teilweise sind den langen Textpassagen mit Gedankenabrissen der eigentlichen Hauptfigur, Amadeu de Prado, schwer zu folgen, allerdings liegt in dieser Idee des Buches im Buch auch die Stärke von "Nachtzug nach Lissabon".

Fazit: Zum Teil etwas langatmige, allerdings auf eigene Weise faszinierende Reise, die sich durch interessante Charaktere und eine gute Erzählstruktur auszeichnet.

Charles Bukowski - Aufzeichnungen eines Außenseiters

Über Heinz Strunks jüngsten Streich "Fleckenteufel" kam ich zu Bukowski, dessen Name mir vorher ein flüchtiger Begriff ist. Warscheinlich so wie man Namen wie Kafka oder Brecht vom Hören-Sagen kennt.
Die "Aufzeichnungen" (im Original "Notes of a Dirty Old Man" haben es tatsächlich in sich, es handelt sich um die Kolummnen Bukowskis für eine Untergrund-Zeitschrift. Dabei pendeln die Texte zwischen bizarren Kurzgeschichten und Anekdoten in Ich-Form, die stets Sex, Gewalt, Sport und Literatur pendeln. Dabei fragt man sich stets, was Dichtung und was Realität (ein autobiographischer Bezug ist in allen Texten enthalten) ist, langweilig wird die Sammlung allerdings nie, was auch an der klaren Sprache liegt, die nichts beschönigt und sich passend zum Inhalt der Texte hart und schonungslos bewegt.

Fazit: Ähnlich krank und genial wie Hunter S. Thompson. Bukowski wird demnächst sicher noch einige Male in meiner Hand landen.

Filme:

The Wicker Man (UK - 1973)

Als bekennender Anhänger von "The League of Gentlemen" stellte ich hohe Erwartungen an den britischen Kult-Horror-Film schlechthin, schließlich finden sich zahllose Anspielungen eben jenes Streifens in besagter Serie. Auch Franz Ferdinand ließ sich beim Videoclip zu Jeremy Fraser von "The Wicker Man" inspirieren. Grund genug, sich dieses Werk näher anzusehen.
Das Remake aus den USA von 2006 habe ich bewusst ignoriert, was wohl im Nachinein eine sehr, sehr gute Entscheidung war.

Die Geschichte ist schnell erzählt, ein britischer Polizeibeamter namens Neil Howie erhält einen anonymen Brief, der ihn um Hilfe auf der Suche nach der verschwundenen Rowan Morrison bittet. Dieser Brief führt ihn auf die Insel Summerisle, wo ein neopaganistischer Kult herrscht, der obendrein noch sehr freizügig ausgelegt wird, was u. a. dazu führt, dass der Schulunterricht auch die Bedeutung des Maibaums als Phallussymbol behandelt, sehr zum Ärgernis des streng christlich lebenden Howie vom Festland. Und, irgendwo muss ja der Horrorfilm beginnen, vermisst niemand auf der Insel eine Rowan Morrison. Kein Wunder, da diese längst auf dem örtlichen Friedhof begraben liegt.

Der Reiz des Films liegt in der surrealen Atmosphäre, die vor allem der Darstellung des heidnischen Kultes geschuldet ist, der wohl auch in heutiger Zeit noch einige Tabus bräche. Alles wirkt befremdlich, sodass der Horror ganz ohne Effekthascherei entstehen kann und sich im zweifellos starken Plot entfalten kann. Die vielen Gesangsszenen lassen "The Wicker Man" dabei nicht wie ein lächerliches Musical wirken, vielmehr erzeugen sie eine Disharmonie, was das Befremden zusätlich stärkt.
Weiterere positive Aspekte des Films sind der britische Humor, der nie deplaziert wirkt, und die Besetzung von Howies Gegenspieler, dem Besitzer der Insel, mit Christopher Lee, der wohl wie kein anderer Schauspieler das Böse verkörpern kann.

Fazit: Finger weg vom schändlichen Remake mit Nicolas Cage! Das Original von 1973 ist ein untypischer, genial inszenierter Horrorfilm, der von seiner Atmosphäre und unerwarteten Wendungen lebt und schaffte es sofort auf meine persönliche Bestenliste.

Sonntag, 7. Juni 2009

Zum ersten Mal wählen gegangen

Nachdem ich heute in einem rustikalen Verschlag im Stile eines Dorfgemeinschaftshauses zum ersten Male in meinem Leben wählen durfte, in diesem Falle fünf Kreuzchen auf farbige Blätter eintragen musste, fällt es mir nicht mehr sonderlich schwer die grassierende Politikmüdigkeit zu verstehen.

Donnerstag, 4. Juni 2009

Kampagne

"Geht das nicht etwas freundlicher?"

Freundlichkeit erweckt Vertrauen, Verständnis und Akzeptanz, dachte ich, also wird man nicht ohne solche, ich nenn sie jetzt mal einfach so, Zugeständnisse auskommen. Was ist denn auch dabei, sagte ich mir leise, denn die anderen schwiegen einfach.

"Okay", sagte sie und zog dabei die zweite Silbe so überbordend lang, dass ich merken sollte, was sie von meinem Vorschlag hielt. Dann schaltete sich der mit der Brille ein, die Hände wie ein Schutzschild vor sich gefaltet.

"Bagatellisiert Freundlichkeit nicht zu sehr? Entstünde so nicht der Eindruck, wir würden die Sache zu leichtfertig handhaben?"

Innerlich kopfschüttelnd gab ich mich geschlagen, der Mann hatte keine Ahnung und trotzdem erntete er direkt unterstützendes Kopfnicken seiner Kollegen.
Niemand hatte Ahnung von gutem, wirklich gutem Marketing. Die hätte ich ja in diese Runde bringen sollen.

"Trotzdem müssen wir noch etwas an der Außenwirkung machen, das hier sieht etwas karg aus", warf ich ein.
"Ja, mit dieser Art und Weise werden wir enorme Probleme damit haben, alle von unserem Vorhaben zu überzeugen, außer..."

"Den Nörglern", sagte der ältere Mann am Ende des Tisches, "aber die gibt es immer."

Irgendwie erinnert mich diese Stimme an meinen Großvater, der uns Kindern nie etwas vorspielen konnte, so ernst er redete, wir wussten immer, dass er in Wirklichkeit etwas anderes meinte. Das war unfreiwillig komisch, später tragisch. So einen Alten hat wohl jeder in der Familie.

Bislang warf der Beamer einen langen und trockenen Text an die Wand, ein Schriftstück, das niemand ernsthaft hätte lesen wollen. Vom verstehen ganz zu schweigen. Ohne Verve, eine schlichte Mahnung, verfasst aus "rein geschäftlichen Gründen", wie man mir sagte. Als ich mich darüber ein wenig verwundert gab, da ich den Text in Richtung Justiz, ich bin kein Jurist, tendieren sah, bejahte man das, scheinbar ging meine Fragerei zu sehr ins Detail.
Kein Wunder, wenn mir bei diesem schwierigen Projekt die zündende Idee ausbleiben würde.

Bestimmt der fünfte Kaffee floss meine Kehle hinunter und ich benötigte dringend eine Pinkelpause, da kam aus irgendeiner Ecke der Vorschlag, den Text als Stoppschild aufzumachen. Das reichte mir dann endgültig, ich erfand einen anderen, wichtigen Termin und machte mich davon. Mit solch hoffnungslosen, und vor allem unwilligen, Gestalten hatte bei weitem nicht gerechnet.
Als ich dann später die endgültige Kampagne sah, was ich dann doch noch positiv überrascht, denn wer auf die Idee kam, Kinderpornografie als Grund vorzuschieben, musste etwas auf dem Kasten haben. Das was gut, spaltete, polarisierte. Die Ausführung fand ich trotzdem noch zu hölzern, für meinen Geschmack.

Einmal wurde ich dann doch noch, es war dieser Alte, angerufen. Der bedankte sich für meine Beratung, auch wenn ich da anderer Meinung bin, und meinte zum Schluss, dass ihm eine meiner Ideen, Beamte, die eine Wohnung stürmen und einen Mann an seinem Internetkabel erhangen vorfinden, am Besten gefallen habe.

Immerhin auch eine Art Verständnis zu schaffen.

Freitag, 29. Mai 2009

Mein Senf zur Online-Zensur

Debatten um Kinderschutz nehmen derzeit kein Ende. Man kann keine Sekunde die Liste des neuesten Gezwitschers auf Twitter lesen, ohne nicht auf "Zensursula" oder die "Stasi 2.0" zu stoßen. Ein Kampf gegen Windmühlen, so mochte man anfangs meinen, aber das Internet hat in seiner bis dato schwersten Stunde den Spagat von digitalisierter Gedankenmaschinerie hin zu handfesten Aktionen mit Bravour gemeistert.

Eine kleine Anekdote, da es sich hier ja auch um einen recht politischen Beitrag handelt, obwohl ich nicht wirklich damit politisieren müsste, am Rande. Ein Bekannter von mir, Mitglied einer Partei, die ich mal andeutungsweise hier auslasse, der bekennender Schäuble-Gegner ist, führte vor nicht allzu geraumer Zeit mit mir eine Diskussion über die DNS-Sperren, mit denen Frau von der Leyen die "Kinderpornoindustrie" abschaffen will. Meine Einwände, dass man ja hier der Zensur Tür und Tor öffne, ohne das eigentliche Problem bei den Wurzeln zu packen, konterte der Nachwuchspolitiker gekonnt, dass es ja "keine bessere Methode" gebe, die bösen, bösen Server allesamt unangreifbar in obskuren Kleinstaaten vor sich hindösen und, jetzt kommt die bissige Bemerkung, man ja sicherlich irgendwann die "Demokratie abschaffen" wolle.

Wenige Tage später unterschrieb auch er die Online-Petition gegen das geplante Gesetz.

Wer sich über das Thema ausführlicher informieren möchte, sollte dies auf diesen Seiten tun, da ich selbst nicht weiter politisieren möchte, dafür habe ich mich bereits zu sehr in dieser Debatte amüsiert:

TextundBlog.de - So funktionieren die DNS-Sperren und eine Petition als gelebtes Stück e-Demokratie